Mediennutzung der User von Morgen: Analyse der JIM Studie 2012

In der Langzeitstudie „Jugend, Information, (Multi-) Media“ (JIM- Studie) des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest wird die Medienentwicklung bei Jugendlichen  dokumentiert. In der aktuellen 15. Ausgabe von 2012 wurden N=1.201 Jugendliche (12- bis 19-Jährige) in Deutschland telefonisch (CATI) über ihre Mediennutzung befragt.

Im Folgenden möchte ich subjektiv die für mich interessantesten Ergebnisse hervorheben und kommentieren. Dabei geht es um Überraschendes aber auch um Befunde, die neuere Erkenntnisse generell oder hiermit für Jugendliche bestätigen.

Jungen schätzen Tageszeitung eher als Mädchen (dies tun)Für 90% ist „Musik zu hören“ als Medientätigkeit „sehr wichtig/ wichtig“ (S. 14). Hier liegen die Mädchen knapp vor den Jungen. Wieder einmal zeigt sich, dass Musik einen hohen Wert hat. Ob sich dieser Wert im Zeitverlauf verändert hat, kann ich leider nicht sagen.

Tageszeitungen zu lesen“ ist unter den abgefragten Medientätigkeiten zwar an letzter Stelle (was ja von der Auswahl der Medientätigkeiten abhängt, nach BTX wurde ja z. B. nicht gefragt), aber es zeigt sich, dass die Jungen mit 47% „sehr wichtig/ wichtig“ weit vor der Wertschätzung der Mädchen (36%) liegen. Sonst nur bei „Fern zu sehen“ und „PC/Videospiele nutzen“ der Fall.

Internet zu nutzen“ erhält 88% für „sehr wichtig/ wichtig“ – was die Glaubwürdigkeitszuschreibung betrifft gibt es interessante Unterschiede:

Vertrauen ins Internet bei Jungen viel höher als bei Mädchen

„Würde bei widersprüchlicher Berichterstattung am ehesten vertrauen auf …“ … die Tageszeitung, da sind sich die Hälfte der Befragten einig (S. 16). Für das Vertrauen ins Internet gibt es Unterschiede bei den Geschlechtern: Jungen vertrauen dem Internet mit 15% mehr als doppelt so stark als Mädchen. Der Begriff ist allerdings sehr schwammig: Internet kann ein Angebot einer Tageszeitung sein (Marke) oder eine Diskussion Unbekannter in einem Forum. Deshalb kommt es hier ganz auf die Vorstellung der Befragten an. Die Zahlen könnten bedeuten, dass z. B. sueddeutsche.de am Bildschirm nur ein Bruchteil des Vertrauens entgegengebracht wird wie der gedruckten Ausgabe – was irgendwie nach Blödsinn klingt.

Am wenigsten zu dieser Differenzierung im Stande sind anscheinend Gymnasiasten (S. 17), sie folgen und schätzen Tageszeitung wesentlich positiver und Internet wesentlich negativer ein als der Durchschnitt.

Radioempfang verschiebt sich ins Internet

Die „Wege der Radionutzung in den letzten 14 Tagen“ sind zu 19% das Internet, fünf Prozentpunkte mehr als 2011 (S. 22). Auch DAB-Empfang legt zu, die herkömmlichen Empfangswege gehen alle zurück. Hier würde mich interessieren, ob dies auf Kosten der terrstrisch empfangbaren Sender geht oder ob die Vielfalt der gehörten Sender nicht zunimmt.

Pro7 und dann ganz lange nichts

In der Höhe ein mich überraschendes Ergebnis: für 51% der Jugendlichen ist PRO7 mit Abstand das liebste Fernsehprogramm (S. 26). RTL folgt mit 16% (S. 26).

Internetnutzung: mobil ist mehr

Die Entwicklung der Wege der Internetnutzung (in den letzten Tagen) geht in Richtung Dauernutzung (S. 32). Mobiles Internet hat seit 2011 in der Nutzung massiv zugenommen. 2012 sind 49% damit online, wobei die anderen Zugangsmöglichkeiten nicht oder kaum abnehmen. Die stationäre Nutzung sank leicht um drei Prozentpunkte auf 96%. Surfen via Fernseher verdoppelt sich seit 2011 auf 2%.

Twittern = 14-15 Jährige

Kommunikationsaktivitäten im Internet werden in der Jim-Studie nach Alter getrennt aufgeführt (S. 34). Für die Twitter-Aktivitäten „[Tweets] Lesen“ und „Twittern“ liegen die 14-15-Jährigen vorne, ab 18 wird kaum noch getwittert.

An den Mediatheken stehen eher Jüngere

Mediatheken als Unterhaltungstätigkeit im Internet (täglich/ mehrmals pro Woche) sind von 14-15-Jährige am häufigsten genutzt (S. 35). Überhaupt ist diese Altersgruppe audiovisuell häufiger unterwegs als die anderen.

Mädchen machen Blogs

Informieren im Internet“ (täglich/ mehrmals pro Woche) ist ein Jungsding, sie tun es in allen abgefragten Kategorien (Suchmaschine, Wikis, Newsgroups) häufiger als Mädchen – außer dem Lesen von Blogs, dort sind Mädchen einen Prozentpunkt vor den Jungs (7%) (S. 36). Auch beim Schreiben in Blogs haben sie die Nase vorn (4% zu 3%). Die Blogosphäre ist weiblich, das wurde schon mal festgestellt. Auch in der allgemeinen Abfrage nach „Web 2.0-Aktivitäten“ liegen Mädchen vorne (S. 38). Einzig beim „Musik/Sound-Dateien“ einstellen lassen sich Jungs häufiger erwischen (S. 38).

272 Freunde im Durchschnitt

Wie viele Freunde haben Jugendliche in Social Networks? Von 2010 mit 159 hat sich die Zahl der durchschnittlichen Freunde im Jahr 2012 auf 272 erhöht (S. 45). Einen Unterschied zwischen der Anzahl bei Mädchen und Jungs gibt es zwar, aber es liegt jedes Jahr ein ein anderes Geschlecht vorne. Egal, denn wüsstet ihr spontan wie viele Freunde ihr habt, wenn euch jemand anruft und Fragen stellt?

Mädchen habens mobil in der Hand

83% der 12-19 Jährigen Jugendlichen haben ein internetfähiges Handy, 24% haben die Internetflatrate dazu (S. 54). Über diesen Durchschnittswerten liegen die Mädchen, sie haben eher Internethandy mit Flatrate (da eine Flatrate ohne entsprechendes Handy sinnlos ist, kann man hier mal ungeprüft eine Kausalität annehmen).

Interessant sind die Unterschiede bei Schulformen und Alter. Je älter Jugendliche sind, desto eher haben sie beides, und so haben 53% der 18-19 Jährigen eine mobile Flatrate. Bei den Schulformen verläuft es so, dass von Haupt- (41%) über Realschule (39%) zu Gymnasium (31%) die Verbreitung von Flatrate abnimmt, Gymnasiasten (81%) haben auch seltener ein Internethandy als Haupt- (83%) und Realschüler (86%). Wenn man bedenkt, dass Gymnasiasten im Schnitt älter sein müssten als die Pennäler der anderen Schulformen eine interessante Erkenntnis.

Smartphone ohne Browser für Mädchen eher möglich

Mädchen haben im Schnitt mit 16 weniger Apps auf ihrem Smartphone installiert als Jungs (29) (S. 55). Inhaltlich liegen Apps von Communities unter den Top 3 Apps bei den Jugendlichen vorne. Interessant finde ich die Wichtigkeit von Browsern: Jungs finden ihn doppelt so wichtig auf dem Smartphone als Mädchen. Um junge weibliche User zu erreichen sollte idealerweise eine App verfügbar sein.

Eine Antwort zu “Mediennutzung der User von Morgen: Analyse der JIM Studie 2012

  1. Lieber André, danke für Deine hilfreiche Exegese.

    „Für 90% ist „Musik zu hören“ als Medientätigkeit „sehr wichtig/ wichtig““
    Ist gestiegen. 2009 waren es in der JIM-Studie noch knapp 80 Prozent der 12- bis 19.Jährigen. Jetzt aber die wichtige Frage: Wie monetarisiert Ihr das, liebe Musikindustrie? Ach, mit Spotify? Ja, dann „Go for Gold“, bitte…

    „Am wenigsten zu dieser Differenzierung im Stande sind anscheinend Gymnasiasten (S. 17), sie folgen und schätzen Tageszeitung wesentlich positiver und Internet wesentlich negativer ein als der Durchschnitt.“
    Entweder das oder sie replizieren nur die dämlichen Behauptungen Ihrer Lehrer…

    „Die stationäre Nutzung sank leicht um drei Prozentpunkte auf 96%. “
    Das wird noch richtig spannend, das sage ich Dir…

    „Die Blogosphäre ist weiblich, das wurde schon mal festgestellt. “
    genau, das ist nichts Neues und Klaus Schönberger aus Zürich hat das auch historisch hergeleitet und zeigen können, wie das mit dem Schreiben von Tagebüchern zusammenhängt.

    Spannend fände ich jetzt mal die 3-4% der Blogger, Twitterer usw. etwas näher zu betrachten – was produzieren die da eigentlich? Da müsste man natürlich qualitativ ran…

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